Fremdkapital einfach erklärt
Fremdkapital ist grundsätzlich alles, was dein Unternehmen Dritten schuldet: offene Lieferantenrechnungen, Bankdarlehen, geschuldete Mehrwertsteuer, Sozialversicherungsbeiträge oder Rückstellungen. Es steht auf der Passivseite der Bilanz.
Aufgeteilt wird es nach der Fälligkeit. Kurzfristig sind Verbindlichkeiten, die voraussichtlich innerhalb eines Jahres ab Bilanzstichtag oder innerhalb des normalen Geschäftszyklus zur Zahlung fällig werden, langfristig ist alles Übrige.
Verwendet wird die Unterscheidung, um Zahlungsdruck sichtbar zu machen: Das kurzfristige Fremdkapital musst du bald bedienen, das langfristige gibt dir Luft. Daran hängt die Liquiditätsbeurteilung.
In die Bilanz kommt eine Verbindlichkeit nur, wenn sie durch ein vergangenes Ereignis entstanden ist, ein Mittelabfluss wahrscheinlich ist und die Höhe verlässlich schätzbar ist. Bewertet wird sie zum Nennwert.
Als wir in der Ausbildung zum Sachbearbeiter Rechnungswesen die Passivseite der Bilanz besprochen haben, fand ich das zuerst sehr langweilig. Auf der Aktivseite steht, was die Firma hat, und rechts stehen dann halt die Schulden. Was meiner Firma gehört, fand ich natürlich viel interessanter.
Bis mir aufgefallen ist, was die Passivseite wirklich aufzeigt: nämlich wie viel Druck auf einem Unternehmen liegt. Zwei Firmen können gleich hohe Schulden haben, und trotzdem schläft die eine ruhig und die andere nicht. Deshalb schauen wir uns an, was zum Fremdkapital gehört und vor allem was kurzfristiges und was langfristiges Fremdkapital ist.
Was ist Fremdkapital?
Fremdkapital ist der Teil deiner Passiven, den du Dritten schuldest. Die Passivseite beantwortet die Frage, woher das Geld im Unternehmen kommt, und dafür gibt es genau zwei Quellen: Fremdkapital von aussen oder Eigenkapital, also der Teil, der dir oder der Firma selbst gehört.
Der Unterschied ist nicht nur begrifflich. Fremdkapital hat einen Gläubiger, eine Fälligkeit und oft einen Zins. Eigenkapital hat nichts davon: Es muss nicht zurückgezahlt werden. Deshalb wird auf der Passivseite auch nur das Fremdkapital nach Fälligkeit unterteilt.
Im Schweizer KMU-Kontenrahmen findest du das kurzfristige Fremdkapital in der Klasse 20 und das langfristige in der Klasse 24. Danach folgt in der Klasse 28 das Eigenkapital.
Ein verbreitetes Missverständnis gleich vorweg: Fremdkapital ist nicht per se schlecht. Ein Darlehen, mit dem du eine Maschine finanzierst, die mehr erwirtschaftet als sie an Zinsen kostet, ist eine gute Sache. Problematisch wird es erst, wenn Fälligkeit und Ertrag nicht zusammenpassen.
Kurzfristig oder langfristig: wo die Grenze verläuft
Im Gesetz ist ganz klar beschrieben, was kurzfristiges Fremdkapital und was langfristiges Fremdkapital ist: «Als kurzfristig müssen die Verbindlichkeiten bilanziert werden, die voraussichtlich innerhalb eines Jahres ab Bilanzstichtag oder innerhalb des normalen Geschäftszyklus zur Zahlung fällig werden. Als langfristig müssen alle übrigen Verbindlichkeiten bilanziert werden.» Nachlesen kannst du das in Art. 959 OR.

Was zum Fremdkapital gehört
Auch beim Fremdkapital gibt das Gesetz vor, welche Positionen und ich welcher Reihenfolge auszuweisen sind. Der Schweizer KMU-Kontenrahmen bildet sie direkt ab:
Position nach Art. 959a OR | Was dahintersteckt | Konten |
Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen | Offene Lieferantenrechnungen (Kreditoren) und erhaltene Anzahlungen | 200 (2000, 2030) |
Kurzfristige verzinsliche Verbindlichkeiten | Bankverbindlichkeiten, Finanzierungsleasing und übrige verzinsliche Schulden | 210 (2100, 2120, 2140) |
Übrige kurzfristige Verbindlichkeiten | Geschuldete Mehrwertsteuer, Verrechnungssteuer, direkte Steuern, Sozialversicherungen, Quellensteuer | 220 (2200, 2206, 2208, 2270, 2279) |
Passive Rechnungsabgrenzungen | Noch nicht bezahlter Aufwand und erhaltener Ertrag des Folgejahres, dazu kurzfristige Rückstellungen | 230 (2300, 2301, 2330) |
Langfristige verzinsliche Verbindlichkeiten | Bankdarlehen, Finanzierungsleasing, Obligationenanleihen, Darlehen und Hypotheken | 240 (2400, 2420, 2430, 2450, 2451) |
Übrige langfristige Verbindlichkeiten | Langfristige Schulden ohne Zins | 250 (2500) |
Rückstellungen | Verpflichtungen, deren Höhe oder Fälligkeit unsicher ist | 260 (2600) |
Zwei Positionen fallen aus dem Rahmen, weil sie nicht auf einer Rechnung stehen. Die passiven Rechnungsabgrenzungen bilden Aufwand ab, der wirtschaftlich ins alte Jahr gehört, aber erst später bezahlt wird. Und Rückstellungen erfassen Verpflichtungen, bei denen du weisst, dass etwas kommt, aber noch nicht genau wann oder wie viel.
Die Umgliederung
Wenn die Fälligkeit einer Schuld näher rückt und du es innert eines Jahres zurückzahlen musst, wandert langfristiges Fremdkapital plötzlich ins kurzfristige Fremdkapital.
Ein Beispiel: Deine Schreinerei hat ein Bankdarlehen mit einer Restschuld von CHF 70’000 und amortisiert jährlich CHF 10’000. Am Bilanzstichtag gehören CHF 10’000 ins kurzfristige Fremdkapital auf das Konto 2100, weil sie im nächsten Jahr fällig werden. Die restlichen CHF 60’000 bleiben langfristig auf dem Konto 2400.

Lässt du das ganze Darlehen langfristig stehen, sieht deine kurzfristige Schuldenlast zu klein aus. Jede Liquiditätsbeurteilung, die jemand auf diese Bilanz stützt, geht dann daneben, und das trifft dich spätestens beim Kreditgespräch mit der Bank.
Beispiel: die Passivseite einer Schreinerei
Bleiben wir bei derselben Schreinerei GmbH mit einer Bilanzsumme von CHF 200’000. Ihre Passivseite sieht so aus:
Kreditoren (2000): CHF 18’000
Bankverbindlichkeit, nächste Amortisation (2100): CHF 10’000
Geschuldete Mehrwertsteuer (2200): CHF 6’000
Sozialversicherungen und Vorsorgeeinrichtungen (2270): CHF 4’000
Noch nicht bezahlter Aufwand (2300): CHF 2’000
Bankdarlehen, langfristiger Teil (2400): CHF 60’000
Rückstellungen (2600): CHF 10’000
Das ergibt CHF 40’000 kurzfristiges und CHF 70’000 langfristiges Fremdkapital, zusammen also CHF 110’000. Der Rest der Bilanzsumme, CHF 90’000, ist Eigenkapital.
Was das Fremdkapital über eine Firma verrät
Aus diesem Beispiel lassen sich zwei Dinge ablesen:
Das erste ist der Fremdfinanzierungsgrad, also Fremdkapital geteilt durch Bilanzsumme. Hier sind das 55 Prozent. Für ein produzierendes KMU ist das im grünen Bereich. Interessant wird die Zahl erst im Zeitvergleich: Steigt sie über die Jahre, wächst die Abhängigkeit von Dritten.
Das zweite ist die Fristigkeit, und hier hilft die goldene Bilanzregel: Was langfristig im Unternehmen gebunden ist, sollte auch langfristig finanziert sein. Das Anlagevermögen der Schreinerei beträgt CHF 80’000, langfristig verfügbar sind CHF 90’000 Eigenkapital plus CHF 70’000 langfristiges Fremdkapital, also CHF 160’000. Die Regel ist damit klar erfüllt.
Umgekehrt wäre es ein Warnsignal: Wer eine Maschine über das Kontokorrent finanziert, hat sich ein Fälligkeitsproblem eingebaut. Die Maschine amortisiert isch über Jahre hinweg, die Schuld ist aber jederzeit fällig. Genau diesen Gegensatz macht die Trennung in kurzfristig und langfristig sichtbar.
Fremdkapital in MILKEE
In MILKEE ist der Kontenplan nach dem Schweizer KMU-Standard aufgebaut, die Klassen 20 und 24 sind also von Anfang an getrennt. Wenn du deine Buchhaltung führst, landen offene Lieferantenrechnungen, geschuldete Mehrwertsteuer und Sozialversicherungsbeiträge automatisch dort, wo sie hingehören.
Zwei Dinge musst du selbst im Blick behalten: die Umgliederung deiner Darlehen am Bilanzstichtag und die Frage, ob eine Verpflichtung schon die drei Bedingungen von Art. 959 Abs. 5 OR erfüllt. Beides passiert nicht automatisch, weil beides eine Einschätzung verlangt.
Fazit
Fremdkapital ist alles, was deine Firma Dritten schuldet, aufgeteilt nach dem, was innerhalb eines Jahres fällig wird, und dem Rest. Diese Aufteilung ist keine Formsache, sondern die Antwort auf die Frage, wie viel Zahlungsdruck in den nächsten zwölf Monaten auf dir lastet.
Für mich war das die Erkenntnis aus der Ausbildung: Die Höhe der Schulden allein sagt wenig. Erst zusammen mit der Fälligkeit und mit dem, was auf der Aktivseite gegenübersteht, ergibt sich ein Bild davon, wie stabil eine Firma wirklich dasteht.