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Eigenkapital einfach erklärt

von Nicolas Haemmerli · 29.08.2026
Das Wichtigste in Kürze
  • Eigenkapital ist der Teil der Bilanz, der dem Unternehmen selbst oder seiner Inhaberin gehört. Rechnerisch sind es die Aktiven abzüglich des Fremdkapitals, es steht auf der Passivseite ganz unten.

  • Es entsteht durch Einlagen, etwa das Stammkapital bei der Gründung, und durch Gewinne, die im Unternehmen bleiben statt ausgeschüttet zu werden.

  • Anders als Fremdkapital hat es keine Fälligkeit, keinen Zins und keinen Gläubiger. Genau deshalb ist es das Polster, das schlechte Jahre auffängt, und die Grundlage für Kredite.

  • Nach Art. 959 Abs. 7 OR wird es «der Rechtsform entsprechend» ausgewiesen. Bei der Einzelfirma sind das Kapital- und Privatkonto, bei GmbH und AG das Grundkapital mit Reserven. Wird es zu klein, greifen bei GmbH und AG die Vorschriften zu Kapitalverlust und Überschuldung.

Beim Eigenkapital hat es bei mir in der Ausbildung zum Sachbearbeiter Rechnungswesen zweimal klick gemacht.

Zuerst habe ich verstanden: Eigenkapital ist kein Geldtopf, den man irgendwo findet. Es ist eine Rechengrösse. Vereinfacht gesagt: Alles, was der Firma gehört, minus ihre Schulden.

Dann wurde mir klar, dass das Eigenkapital je nach Rechtsform unterschiedlich aufgebaut ist. Bei einer Einzelfirma gibt es zum Beispiel ein Privatkonto, bei einer GmbH Stammkapital und Reserven.

Schauen wir uns an, wie das Eigenkapital aufgebaut ist, was die Zahl über eine Firma aussagt und wann es kritisch wird.

Was ist Eigenkapital?

Eigenkapital ist der Teil der Passivseite, der niemandem ausserhalb der Firma gehört. Die Formel dahinter ist simpel: Aktiven minus Fremdkapital gleich Eigenkapital. Es ist damit eine Restgrösse und kein Konto, auf dem Geld liegt.

Der Unterschied zum Fremdkapital ist praktisch bedeutsam. Fremdkapital hat einen Gläubiger, eine Fälligkeit und meist einen Zins. Eigenkapital hat nichts davon: Niemand kann es zurückfordern. Genau deshalb ist es das Polster, das ein Verlustjahr auffängt, ohne dass jemand vor der Tür steht.

Entstehen kann es auf zwei Wegen. Entweder legst du Geld ein, etwa das Stammkapital bei der Gründung deiner GmbH oder eine spätere Einlage. Oder du lässt Gewinne im Unternehmen, statt sie zu beziehen. Der zweite Weg ist bei kleinen Firmen der wichtigere.

Warum die Rechtsform die Gliederung bestimmt

Bei den übrigen Bilanzpositionen schreibt das OR eine feste Mindestgliederung vor. Beim Eigenkapital macht es eine Ausnahme: Nach Art. 959 Abs. 7 OR ist es «der Rechtsform entsprechend auszuweisen und zu gliedern».

Das ist keine Formalie, sondern folgt aus der Haftung. Bei einer Einzelfirma sind Geschäfts- und Privatvermögen rechtlich dasselbe, du haftest mit allem, was du hast. Bei einer GmbH oder AG steht dagegen ein geschütztes Kapital im Handelsregister, das nicht einfach entnommen werden darf.

Deshalb enthält der Schweizer KMU-Kontenrahmen in der Klasse 28 gleich drei verschiedene Varianten: eine für Einzelunternehmen, eine für juristische Personen und eine für Personengesellschaften.

Eigenkapital nach Rechtsform: bei der Einzelfirma Kapitalkonto und Privatkonto, bei GmbH und AG Stammkapital, Reserven und Bilanzgewinn, je in der Klasse 28 des KMU-Kontenrahmens

Eigenkapital bei der Einzelfirma

Bei der Einzelfirma ist das Eigenkapital überschaubar und besteht aus vier Konten:

  • Eigenkapital zu Beginn des Geschäftsjahres (2800): der Stand, mit dem du ins Jahr gestartet bist.

  • Kapitalanlagen und Kapitalrückzüge (2820): grössere Einlagen ins Geschäft oder Rückzüge daraus.

  • Privat (2850): das Privatkonto für alles, was du dem Geschäft laufend entnimmst oder zuschiesst.

  • Jahresgewinn oder Jahresverlust (2891): das Ergebnis des Jahres, das am Schluss ins Kapital wandert.

Das Privatkonto ist dabei das Konto, das am meisten Verwirrung stiftet. Es ist kein Aufwand, auch wenn dort Geld abfliesst. Wenn du dir als Einzelfirma Geld auszahlst, ist das kein Lohn, sondern eine Privatentnahme, die dein Eigenkapital verkleinert. Der Gewinn deiner Firma bleibt davon unberührt.

Am Jahresende werden Privatkonto und Ergebnis über das Kapitalkonto abgeschlossen. Was dann übrig bleibt, ist dein neues Eigenkapital. Es kann bei einer Einzelfirma auch negativ werden, ohne dass daraus sofort rechtliche Schritte folgen, weil du ohnehin mit deinem Privatvermögen haftest.

Eigenkapital bei GmbH und AG

Bei den juristischen Personen ist die Gliederung deutlich feiner, weil hier fremde Gelder geschützt werden müssen. Art. 959a Abs. 2 Ziff. 3 OR gibt die Positionen vor:

Position nach Art. 959a OR

Was dahintersteckt

Konto

Grund-, Gesellschafter- oder Stiftungskapital

Das Stammkapital der GmbH oder das Aktienkapital der AG, wie es im Handelsregister steht

2800

Gesetzliche Kapitalreserve

Was bei der Ausgabe von Anteilen über den Nennwert hinaus einbezahlt wurde

2900

Gesetzliche Gewinnreserve

Der Teil des Gewinns, den das Gesetz zurückzubehalten verlangt

2950

Freiwillige Gewinnreserven

Gewinne, die ihr freiwillig im Unternehmen behaltet

2960

Eigene Kapitalanteile

Von der Gesellschaft selbst gehaltene Anteile, als Minusposten

2965

Gewinnvortrag oder Verlustvortrag

Was aus den Vorjahren stehen geblieben ist

2970

Jahresgewinn oder Jahresverlust

Das Ergebnis des laufenden Jahres

2979

Die Reserven sind ein Thema für sich, mit eigenen gesetzlichen Regeln zur Bildung und Verwendung. Wie sie funktionieren und wie du die gesetzliche Gewinnreserve berechnest, steht im Eintrag zu den Rücklagen.

Ein wichtiger Unterschied zur Einzelfirma: Als Gesellschafterin einer GmbH kannst du dir nicht einfach Geld entnehmen. Du beziehst entweder Lohn, was Aufwand ist, oder eine Dividende, die einen Beschluss und einen ausgewiesenen Gewinn voraussetzt. Ein Privatkonto gibt es hier nicht.

Beispiel: das Eigenkapital einer Schreinerei

Bleiben wir bei der Schreinerei GmbH mit einer Bilanzsumme von CHF 200’000 und einem Fremdkapital von CHF 110’000. Das Eigenkapital beträgt damit CHF 90’000 und gliedert sich so:

  • Stammkapital (2800): CHF 20’000

  • Gesetzliche Gewinnreserve (2950): CHF 10’000

  • Freiwillige Gewinnreserven (2960): CHF 25’000

  • Gewinnvortrag (2970): CHF 21’400

  • Jahresgewinn (2979): CHF 13’600

Auffällig ist das Verhältnis: Vom Eigenkapital stammen nur CHF 20’000 aus der Gründung, die übrigen CHF 70’000 sind über die Jahre erarbeitet und im Unternehmen geblieben. Genau so wächst Eigenkapital bei den meisten KMU.

Wenn das Eigenkapital schrumpft

Verluste zehren das Eigenkapital auf, und bei GmbH und AG knüpft das Gesetz daran zwei Schwellen. Beide finden sich im Aktienrecht und gelten nach Art. 820 OR für die GmbH entsprechend.

Die erste ist der Kapitalverlust nach Art. 725a OR. Er liegt vor, wenn die Aktiven abzüglich der Verbindlichkeiten die Hälfte der Summe aus Aktien- oder Stammkapital und den gesetzlichen Reserven nicht mehr decken. Dann muss die Geschäftsführung Massnahmen ergreifen.

Die zweite ist die Überschuldung nach Art. 725b OR. Besteht die begründete Besorgnis, dass die Verbindlichkeiten nicht mehr durch die Aktiven gedeckt sind, muss unverzüglich ein Zwischenabschluss erstellt werden. Das Eigenkapital ist dann rechnerisch negativ.

Eigenkapital und seine Schwellen: gesunder Zustand, Kapitalverlust nach Art. 725a OR bei Unterdeckung der Hälfte von Kapital und gesetzlichen Reserven, Überschuldung nach Art. 725b OR bei negativem Eigenkapital

Für die Schreinerei ist das weit weg: Kapital und gesetzliche Reserve ergeben CHF 30’000, die Hälfte davon CHF 15’000. Dem stehen CHF 90’000 Eigenkapital gegenüber. Bei der Einzelfirma greifen diese Vorschriften übrigens nicht, weil dort keine Kapitalgesellschaft und damit kein geschütztes Kapital vorliegt.

Was das Eigenkapital über eine Firma verrät

Die gängigste Kennzahl ist der Eigenfinanzierungsgrad, also Eigenkapital geteilt durch Bilanzsumme. Bei der Schreinerei sind das 45 Prozent. Je höher der Wert, desto unabhängiger ist die Firma von Gläubigern und desto mehr Verlust verträgt sie, bevor es eng wird.

Für Banken ist die Zahl oft der erste Blick beim Kreditgespräch, und zwar aus einem einfachen Grund: Eigenkapital ist das, was zuerst verloren geht, wenn etwas schiefläuft. Wer selbst viel im Risiko hat, bekommt leichter Geld.

Eine Einschränkung gehört dazu. Das ausgewiesene Eigenkapital ist ein Buchwert, kein Marktwert. Weil das Schweizer Recht vorsichtig bewertet und zusätzliche Abschreibungen erlaubt, liegt der tatsächliche Wert einer Firma oft höher. Der Grund dafür sind stille Reserven, die in der Bilanz bewusst nicht sichtbar sind.

Eigenkapital in MILKEE

In MILKEE richtet sich der Kontenplan nach deiner Rechtsform, du bekommst also die passende Variante der Klasse 28. Wenn du deine Buchhaltung führst, siehst du dein Eigenkapital in der Bilanz jederzeit, statt erst beim Jahresabschluss.

Als Einzelfirma ist vor allem eines wichtig: Buche Privatbezüge konsequent auf das Konto 2850 Privat und nicht in den Aufwand. Sonst sinkt dein Gewinn scheinbar, und die Steuererklärung stimmt nicht. Als GmbH achtest du umgekehrt darauf, dass Lohn und Dividende sauber getrennt bleiben.

Fazit

Eigenkapital ist kein Topf mit Geld, sondern das, was nach Abzug aller Schulden übrig bleibt. Es entsteht durch Einlagen und vor allem durch Gewinne, die im Unternehmen bleiben, und es ist das Einzige auf der Passivseite, das niemand zurückfordern kann.

Was ich daran hilfreich finde: Die Zahl fasst in einem einzigen Betrag zusammen, wie viel Substanz eine Firma über die Jahre aufgebaut hat und wie viel schiefgehen darf, bevor es kritisch wird. Und die Gliederung verrät dir nebenbei, mit welcher Rechtsform du es zu tun hast.

Häufige Fragen